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Horrornachricht aus Wuhan: Attacke auf das Alte Land

  • Autorenbild: Heiko Tornow
    Heiko Tornow
  • 15. Mai 2020
  • 4 Min. Lesezeit

Haben Sie auch schon diese Horornachricht gehört? Kam gestern in der Tagesschau. Die Chinesen haben in ihrem supergeheimen Labor in Wuhan einen unheimlichen Virus entwickelt, der das Potential hat, dauerhaft die gesamte Apfelernte des Alten Landes zu ruinieren. Das strategische Ziel der Asiaten ist es, den milliardenschweren Weltmarkt für Obst langfristig in die eigenen Hände zu bekommen. Die Obstbauversuchsanstalt in Jork hat in einem am Mittwoch bekannt gewordenem Schreiben davor gewarnt, dass die fernöstliche Attacke „unabsehbare Folgen“ für die gesamte europäische Landwirtschaft“ haben werde. Es gäbe zwar ein Gegenmittel gegen das Virus, das aber hielten die Chinesen unter Verschluss: „Ihre eigene Ernte wollen sie natürlich schützen.“

Ich will die etwas komplizierte Geschichte hier kurz erklären: Die Biowaffe mit dem Namen „015 - Apfelwickler-Granulosevirus AiVo4.0“ nutzt eine bislang erfolgreiche Strategie von ökologisch orientierten Obstbauern auf besonders perfide Weise zu deren Nachteil. Die Raupe des Apfelwicklers (Cydia pomonella) ist seit jeher einer der schlimmsten Schädlinge im Apfelanbau. Unter anderem wird sie mit dem sonst harmlosen Granulosevirus bekämpft, ein giftfreies biologisches Insektizid. Dieser Virus wurde nun gentechnisch verändert. Anstatt den Apfelwickler unschädlich zu machen sorgt er für dessen ungehemmte Vermehrung. Erste Freilandversuche waren höchst erfolgreich. Der bekannte systemkritische Blogger Chen Wu Ben aus der Nachbarprovinz von Wuhan, hat als erster davon berichtet. Seine Internetseite ist seit letzter Woche abgeschaltet.

Soweit, so falsch.

Natürlich ist das alles blühender Unsinn. Habe ich mir heute vor dem Frühstück ausgedacht und frei erfunden. „Alte weiße Männer“, so hieß es in der vergangenen Woche aus wissenschaftlichem Munde, seien die Haupterfinder von wirren Verschwörungstheoretikern. Das passt doch perfekt auf mich, irgendwie.

Weltweit posten tatsächlich hellhäutige Opas ihre wahnhaften Einfälle, etwa dass der CIA das Wordtradecenter in 9/11 höchstselbst abgefackelt habe oder dass die Sache mit dem Herrn Neill Amstrong auf dem Mond in Hollywoodkulissen auf der Erde gedreht wurde oder dass Außerirdische Kornkreise in den Hafer drücken oder sonstwas auf die Erdoberfläche kratzen oder dass Frau Merkel hinter Corona steckt oder Herr Bill Gates ganz geil darauf ist, alle Welt zwangsweise zu Impfen um damit endlich reich zu werden. Dass ist doch putzig. So was kann ich auch.


Also auf der einen Seite: Dumm Tüüch.

Auf der anderen Seite: Könnte doch wahr sein. Die Apfelwickler sind nicht nur im Alten Land, dem größten aller Obstanbaugebiete Deutschlands, als böse Schädlinge bekannt. Die Sache mit dem biologisch nützlichen Granulosevirus als ökologische Abwehrwaffe gegen den Wickler ist erweislich wahr. In Wuhan gibt es tatsächlich ein gentechnisches Labor, US-Präsident Trump glaubt fest daran, dass dort der Coronavirus gebastelt wurde und aus China in die Welt entkam (oder doch exportiert wurde?).Und überhaup die Chinesen! Was ist denen nicht alles zuzutrauen? Schon Kanzler Kiesinger mahnte ja seinerzeit: „Ich sage nur Kina! Kina! Kina!“

Auch die anderen Zutaten meiner Märchenstunde wären sämtlich prächtig geeignet für eine veritable Verschwörungstheorie. In der Süddeutschen Zeitung werden „die drei großen Lügen“ der Fake-News-Erfinder aufgezählt: Immer wird die Quelle „seriös“genannt, immer wird eine komplizierte Geschichte „mal kurz erklärt“, immer ist es eine geheime Information, die den Mächtigen gegen den Strich geht. All das ist wirksam. Eine Blitzumfrage in meinem Bekanntenkreis, dem ich das dass Seemannsgarn vom Apfelvirus vortrug, zeitigte dies Ergebnis: 1. Reaktion: „So ein Quatsch.“ 2. Reaktion: „ Ich hab mal gegoogelt. Den Granulosevirus gibt es wirklich. Ist da vielleicht was dran?“ 3. Reaktion: „Das wäre doch denkbar. Oder nicht? Wenn das schon im Internet steht...“


Denkbar ist natürlich alles. Und leider wird der größte Blödsinn auch gedacht, und verbreitet, und geglaubt. Früher, als Verschwörungstheoretiker schlicht Lügner genannt und als solche erkannt wurden, ertrug die Gesellschaft selbst den blühendsten Quatscht eher gelassen. Heute landet der größte Blödsinn in der Echokammer des WeltWeitenWirr-Netzes und wird dort millionenfach geteilt und verdoppelt und verfünffacht. Allen Ernstes sah sich dieser Tage das Robert-Koch- Institut gedrängt, die schon auf den ersten Blick dämliche Behauptung zu dementieren, wonach jeder selbst feststellen kann, ob er sich mit dem Corona-Virus infiziert hat. Er müsse nur mal zehn Sekunden die Luft anhalten. Wer das schafft sei er gesund.

Das RKI, das Bundesgesundheitsministrerium, Karl Lauterbach, die Bildzeitung, jeder, der was auf sich hält, sagt: „ Unfug. Stimmt nicht.“ Aber der Kettenbrief, der den Luftnot-Mythos in die Welt gesetzt hat, wird immer noch weiter verbreitet.


Dieser Tage sitze ich in unserer Kantine beim Mittagessen. Wir unterhalten uns über die neuesten Verschwörungstheoretien im Zusammenhang mit Corona. Da gäbe es etwa die Thesen der Amerikaner, die wahlweise bei den Russen, den Chinesen oder den Mullahs die finsteren Urheber der Pandemie wähnen. Und andererseits gibts auch die in Peking, Moskau und Teheran vorgetragene Überzeugung, der Virus sei von westlichen Kapitalisten oder amerikanischen Vorherrschaftsphantasten oder ungläubigen Islamhassern erfunden und über die Welt verhustet worden. Stimmt das eine, kann das andere nicht wahr sein. Tatsächlich ist alles faktenloser Schwachsinn.


Eine Mitarbeiterin hat noch so eine Mär auf Lager: „Da gibt es doch tatsächlich die Story im Internet, der Herr Trump hätte den Leuten geraten, sich Desinfektionsmittel zu spritzen um den Covid-19-Virus loszuwerden. Stellt Euch mal vor, wer soll denn das glauben?“


Tja, das ist nun leider wahr. Keine Erfindung. Hört sich nur so an.

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